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Anwenderberichte

Die Troubleshooter BWB-Betschart

07.03.2022
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Von links: Programmierer Tobias Halter und Ulrich Breitenberger, Christian Simon, Gebietsverkaufsleiter der Hermle (Schweiz) AG, und Thomas Furger, Leiter CNC-Bearbeitung bei BWB-Betschart AG.

BWB-Betschart ist ein Spezialist für Oberflächenbeschichtung. In die Zerspanung stieg das Schweizer Unternehmen auf Nachfrage nach Aluminiumkomponenten für den Möbelbau ein. Heute spielt die Möbelindustrie kaum noch eine Rolle – stattdessen ist BWB oft Spitzenbrecher für seine Oberflächenkunden. Für ausreichende Flexibilität und Kapazität sorgt ein neues 5-Achs-Bearbeitungszentrum von Hermle, automatisiert mit einem RS 2-Robotersystem.

„Durch diese Luke schwebte im Mai 2020 die Hermle-Maschine herein.“ Thomas Furger, Leiter CNC-Bearbeitung bei der BWB-Betschart AG, zeigt auf die gegenüberliegende Wand einer hellen, niedrig wirkenden Halle. Neben Schwerlastregalen, Rollwagen und Paletten mit Rohlingen und Fertigteilen stehen hier mehrere Bearbeitungsmaschinen – und lärmen. „Die Öffnung, durch die wir die Anlage mit einem Kran hereinmanövriert haben, ist nur wenige Zentimeter höher als die Edelstahlabdeckung der Werkzeugspindel. Auch den Boden haben wir verstärkt – zur Sicherheit“, beschreibt Furger. Die Millimeterarbeit und der Aufwand im Vorfeld waren notwendig, da sich die mechanische Bearbeitungsabteilung im zweiten Stockwerk befindet. „Das ist historisch so gewachsen“, ergänzt Furger.

Angefangen hat es 1963 mit einem Eloxalwerk der BWB Oberflächentechnik im Kanton Nidwalden, südlich des Vierwaldstättersees. Heute betreibt der Mutterkonzern, die BWB-Holding AG, zwölf Produktionsstätten in der Schweiz, Deutschland, Rumänien und den Niederlanden. Das Schweizer Unternehmen ist auf elektrolytische, chemische und galvanische Oberflächenbeschichtungen für Anwendungen in der Luftfahrt, Industrie, Medizintechnik und in der Architektur spezialisiert.

Einzig das Tochterunternehmen BWB-Betschart bietet an ihrem Firmensitz in Stans-Oberdorf die mechanische Bearbeitung von Aluminium als zusätzliche Dienstleistung an. „Unsere Kernkompetenz ist das Beschichten. Die Zerspanung kam später auf Wunsch unserer Kunden dazu. So erhielten wir vor rund 20 Jahren aus der Möbelindustrie die Anfrage, ob wir neben der Oberfläche auch die mechanische Bearbeitung von Möbelbeinen aus Aluminium übernehmen könnten“, erzählt Furger. BWB-Betschart stimmte zu und lagerte die Arbeiten zunächst aus. Vier Jahre später entschied sich das Unternehmen, ein eigenes Profilbearbeitungscenter aufzubauen. „Das sind diejenigen Maschinen, die eben so laut waren“, greift Furger auf. Vor zehn Jahren ging BWB einen Schritt weiter und investierte in eine erste 5-Achs-CNC-Maschine für das Fräsen von bis zu drei Meter langen Werkstücken.

Die C 32 U samt Robotersystem RS 2 macht BWB-Betschart zu einem noch attraktiveren Arbeitgeber im Schweizer Kanton Nidwalden.

Der Switch

Der Umsatzrückgang in der Schweizer Möbelindustrie brachte einen Umbruch: Statt der Möbelbauer kamen Oberflächenkunden auf BWB zu, die Kapazitätsengpässe in der eigenen Zerspanung hatten. „Bis heute fräsen etwa 90 bis 95 Prozent unserer Auftraggeber in der Mechanik selber“, erklärt Furger. „Wir sind oft der Spitzenbrecher und Troubleshooter – spezialisiert auf Aluminium.“

Mit der Zeit wuchs das Auftragspensum in der CNC-Bearbeitung über die personelle Kapazität hinaus. „Wir mussten zwei- bis dreischichtig arbeiten und Werker aus anderen Bereichen einsetzen. Für kleinere Stückzahlen oder neue Aufträge fehlten uns jedoch auf Dauer die qualifizierten Fachkräfte“, erklärt Furger. Abhilfe sollte ein automatisiertes 5-Achs-Bearbeitungszentrum bringen. Nach zwei Jahren Planung ließ schließlich ein Spezialkran eine C 32 U der Maschinenfabrik Berthold Hermle AG inklusive Robotersystem RS 2 für das automatische Paletten- und Werkstückhandling einschweben. Eine Besonderheit der Anlage aus Gosheim ist das Vakuumspannsystem, das BWB-Betschart zusätzlich zum Hydraulikspanner orderte – speziell für seine Kunden aus der Luftfahrtbranche. Deren Komponenten sind maximal gewichtsoptimiert und damit besonders filigran und dünnwandig konstruiert. „Die Gefahr, dass der Schraubstock die Teile bei der ersten oder spätestens bei der zweiten Aufspannung deformiert, war uns hier zu groß“, erläutert Furger.

Ausschlaggebend war neben der intuitiven Steuerung, der Zuverlässigkeit und hohen Genauigkeit der Hermle-Maschine auch die einheitliche Abstimmung der Gesamtlösung. „Wir hatten auch andere Konzepte geprüft. Uns fehlte aber die Erfahrung in der Automation, um zwei unabhängige Firmen zusammenzubringen und beiden zu erklären, was wir brauchen“, verdeutlicht Furger. „Hier haben wir alles aus einer Hand. Wenn irgendetwas nicht funktioniert, kommt Hermle und löst das Problem.“ Das Konzept ‚ein Ansprechpartner‘ lebt Hermle auch schon während der Projektphase, was Furger sehr zu schätzen weiß: „Wir bekamen einen Projektleiter zugeteilt, der fachlich absolut fit und immer engagiert war. Blieb eine Frage zunächst offen, bekamen wir innerhalb eines Tages eine Rückmeldung oder sogar schon einen möglichen Lösungsweg.“

Über Matrizen wird die C 32 U auch über das Wochenende mit genügend Rohlingen versorgt.

BWB-Betschart fräst ausschließlich Aluminium – unter anderem Komponenten für die Laborautomatisierung.

Das Robotersystem RS 2 hält die C 32 U auch nachts und am Wochenende beschäftigt – dank automatischem Paletten- und Werkstückhandling.

Der Anlauf

Seit Sommer 2020 ist die C 32 U in Betrieb – das erste halbe Jahr eher auf „sehr geringem Niveau“, wie der Leiter der CNC-Bearbeitung verrät. Ab Januar 2021 sprang die Auslastung auf über 90 Prozent. „Ohne diese Maschine hätten wir damals weit über die Hälfte der Aufträge absagen müssen. Zudem brauchten wir für manche Teile die hohe Genauigkeit“, betont Furger und berichtet über Werkstücke, die selbst das High-Performance-Bearbeitungszentrum beinahe an seine Grenzen gebracht hätten. Es ging um die Winkligkeit und um wenige hundertstel Millimeter. Nach fast einer Woche programmieren, testen und vermessen hatten es die Zerspanungstechniker geschafft – aber auch erkannt, dass die fehlende Klimatisierung durchaus ein Problem sein kann. „Zwischen den ersten und den ab Mittag gefertigten Teilen gab es minimale Abweichungen. Erst als wir vor dem ersten Schnitt das Kühlmittel auf Temperatur gebracht haben, kam es zu keiner Schwankung mehr“, erklärt der Leiter der CNC-Bearbeitung. Bis Mai 2021 sei das Hermle-Fräszentrum samstags, sonntags und an Feiertagen durchgelaufen – zum Teil vier Tage am Stück. Mittlerweile hat sich die Situation entspannt, so dass BWB-Betschart wieder Kapazität für Neues hat.

Das gibt Thomas Furger Zeit, mit seinen Mitarbeitern die Arbeitsabläufe zu optimieren. „Automation bedeutet Flexibilität, so dass wir unsere Prozessschritte neu definieren können. Weg vom stoischen Abarbeiten der Aufträge, hin zum Denken in Baugruppen“, sagt Furger und ergänzt: „Wir fertigen alle Teile für ein Modul hintereinander und können es anschließend direkt montieren.“ Der Schlüssel zur Flexibilität ist hierbei der Roboter. Denn BWB-Betschart bearbeitet ausschließlich Aluminium, was in der Regel nur kurz auf der Maschine ist. Ein reines Palettenhandling hätte das 5-Achs-Bearbeitungszentrum nicht für ein ganzes Wochenende mit Rohlingen versorgen können. Das RS 2-Robotersystem packt beides – Paletten und einzelne Werkstücke – und stellt damit den Non-Stopp-Betrieb sicher.

Der Rüstplatz und das Bedienpult sind ergonomisch ausgelegt, das Soflex-System ist intuitiv zu bedienen.

Der Gewinn

 

Ein primäres Ziel für Thomas Furger und sein Team ist es, Stillstandzeiten zu minimieren, die geforderte Genauigkeit zu erreichen und flexibel auf Serien- und Einzelaufträge reagieren zu können. Was es darüber hinaus bedeutet, ein 5-Achs-Bearbeitungszentrum aus Gosheim im Maschinenpark zu haben, merkten sie erst im Lauf des Jahres. „Neue Kunden kamen mit Aufträgen zu uns, die wir aufgrund der geforderten Genauigkeit oder mangels Kapazität nicht hätten annehmen können. Mit der Automation sind wir gegenüber dem nahen Ausland konkurrenzfähiger, und wir werden als Arbeitgeber attraktiver – auch wegen des Roboters“, zählt Furger auf. Auch intern bemerkt er, wie die Maschinenbediener und Programmierer vorausschauend mitdenken und zunehmend die neue Flexibilität sinnvoll nutzen. „Ich bin mir sicher, dass sich die Investition in vielerlei Hinsicht auszahlt.“

 

 

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